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Karl Rose hielt einen Becher voll Branntwein in seinen Händen. Die Kumpanen hatten ihre Becher schon längst geleert. Doch ihr Anführer wartete nur auf eine Gelegenheit, um das feurige Zeug in eine Ecke zu kippen. Wenn es sich nicht vermeiden ließ, goß er reichlich Wasser in den Wein ohne daß jemand etwas mitbekam. Unter allen Umständen wollte er sich einen klaren Kopf bewahren. "Ein klarer Kopf steckt selten in der Schlinge", pflegte er sich immer wieder zu sagen. Das hinderte ihn aber nicht daran, die Weinvorräte vermögender Bürger zu plündern. Wein ließ sich gut weiter verkaufen. Und wenn sich die Stimmung seiner Kumpanen einmal gegen ihn richteten, hatte er schnell mit einigen Flaschen Wein am Ende alle Argumente auf seiner Seite. Rose schaute prüfend in den Spiegel, der im vorderen Teil seiner Hütte hing. Die anzüglichen Bemerkungen der betrunkenen Männer überhörte er einfach, als er sich die Perücke aufsetzte und die Lippen schminkte. "Geht jetzt und schlaft euren Rausch aus", befahl er ihnen schroff und sah mit Erleichterung, wie sie  die Hütte verließen. "Die Riecke kann ich heute auch nicht gebrauchen", sagte er sich im Blick auf das Fell zu seinen Füßen. Er hielt ein kleines Kästchen auf seinen Knien, in dem sich verschiedene Farben, falsche Bärte und Perücken befanden. Sorgfältig zog er sich mit einem Stift die Lippen nach. "Nur nicht zu dick auftragen", flüsterte er sich selbst zu. "Das fällt auf.  Dann schlang er sich ein großes Tuch um den Kopf . In Rock und Bluse war er schnell geschlüpft. Noch einmal schaute er in den Spiegel. "Da fehlt noch was!" Kritisch drehte er sich hin und her. "Vielleicht ein Buckel ?" Er schob sich ein altes Kissen unter die rechte Schulter. Doch diese Verkleidung schien ihm nicht zu überzeugen. "Heute solls der Klumpfuß sein". Er zog seinen rechten Schuh aus und quälte ihn in ein hölzernes Gestell, das seinen Fuß in eine unnatürliche Lage verdrehte. "So ist's gut", stellte er zufrieden fest und zog einen alten, langen Strumpf über das Gestell. Dann nahm er einen wurmstichigen Krückstock und humpelte davon. Als er am Dorfrand von Sommerschenburg ankam, begegnete er einer Schar spielender Kinder. Ohne groß auf sie zu achten wollte er an ihnen vorübergehen. Doch das Kreischen eines kleinen Mädchens ließ ihn aufhorchen. Er sah genauer hin und bemerkte einen Jungen, der eine Kröte in seinen Händen hielt, in deren Hinterteil ein langer Strohhalm steckte. "Du mußt ihn solange aufblasen, bis er platzt", hörte Rose einen anderen Jungen rufen. Er drehte sich angewidert weg und wollte die Straße nach links abbiegen, als neben ihm ein großer Stein in die Pfütze platschte.
 
Als er die große Diele des Hauses  betrat, kamen ihm Eleonore und Helene Lukretia tränenüberströmt entgegen. "Sie ist eben gestorben! Gertrud von der Asseburg ! Rosamunde war die ganze Zeit bei ihr." Petersen  senkte erschüttert seinen Kopf. "Die gute Frau Gertrud ! Was für ein Verlust !"  In dem Moment betrat Rosamunde die Diele des Pfarrhauses. Sie blickte ernst, aber überaus gefasst in die Runde. "Sie hat ihren irdischen Lauf vollendet. Und ihre letzten Worte wurden zu einem Vermächtnis für uns alle." "Du hast ihre letzten Worte vernommen?" Rosamunde nickte. "Ein Spott ist aus dem Tode worden! Das waren ihre letzten Worte." Mit ausgebreiteten Armen ging daraufhin Petersen auf die Frauen zu uns schloss sie nacheinander in seine Arme. "Sie ist selig gestorben! Sie hat die Krone des Lebens erlangt, die Gott denen verhießen hat, die ihn lieben!" Ein Räuspern ließ die Anwesenden aufhorchen. In der halbgeöffneten Tür stand Valentin Lüders. Rosamunde wandte sich als erste dem Gast zu und betrachtete ihn aufmerksam. "Ihr kommt mir bekannt vor. Sind wir uns nicht schon einmal begegnet?"  Noch bevor Valentin antworten konnte, trat Petersen zu Valentin und  zog ihn sanft durch die Tür. "Dieser arme Mann lag am Straßenrand unserer Stadt und wartete auf einen barmherzigen Samariter. Wir werden ihn eine Weile bei uns behalten, bis er wieder bei Kräften ist und für sich selbst sorgen kann." Eleonore nickte verstehend, ging rasch in die Küche und kam bald darauf mit einem großen Stück Brot zurück. "Kein Bettler geht leer von unserer Tür." Valentin nahm dankbar das Brot entgegen und biss herzhaft hinein. Da trat Rosamunde auf ihn zu und sah ihn in die Augen. "Ihr seid es, ja, jetzt erkenne ich euch! Valentin Lüders, mein guter alter Eggenstedter  Schulmeister !" Valentin wehrte ab. "Das ist lange her, liebes Fräulein. Zwischen damals und heute  liegt eine kleine Ewigkeit." Auch Petersen trat erstaunt zu Valentin. "Ein Schulmeister seid ihr? Und ihr kommt aus dem selben Ort wie unsere liebe Rosamunde?" Valentin nickte stumm und senkte sein Haupt. "Dann seid ihr nicht nur vorübergehend unser Gast, sondern gehört ab heute zu unserem Haus. Viel Gutes erzählte Rosamunde über euch. Bleibt bei uns. Unser alter Küster braucht schon lange eine Stütze in seinem Dienst. Seine Augen wollen nicht mehr und auch sein Verstand lässt zu wünschen übrig. Vielleicht, wenn er einst das Zeitliche segnet, werdet ihr sein Nachfolger." Valentin fiel es sichtlich schwer, all das Neue, das auf ihn einstürmte, innerlich zu verkraften. "Ich habe all das Wohlwollen nicht verdient!" Leise sprach er diese Worte. Dann versagten ihm wiederum die Beine  und er ließ sich erschöpft auf einem alten Hocker nieder. Eleonore und Rosamunde geleiteten ihn schließlich in eine Kammer und legten den erschöpften Mann auf das Bett. Sie zogen ihm die Schuhe aus und nahmen ihm die zerlumpten Kleider vom Leib. Valentin selbst spürte nichts mehr von diesen fürsorglichen Handgriffen der Frauen. Er war in einen  Schlaf verfallen, der wohl eher einer Ohnmacht ähnelte.
 
Als Martin die Augen öffnete, wölbte sich über ihm ein strahlend blauer Himmel. Eine kleine weiße Wolke trieb dahin wie ein Schiff auf hoher See. Nein, sie hatte wohl eher die Gestalt eines hohen, schneebedeckten Berges. Martin verfolgte dieses sich ständig verändernde Gebilde wie jemand, der gedankenverloren ein schönes Gemälde betrachtete. Es war so still. Nicht einmal das Gezwitscher der Lerche, die sich nicht weit von ihm in die Lüfte hob, drang an sein Ohr. Der kleine, dunkle Punkt flog immer höher, und Martin sah voll verwundert, wie sich der Himmel rötlich verfärbte. Dann wurde es Nacht um ihn und die wundersame Welt um ihn versank im Dunkel. Als Martin wieder zu sich kam und mit aller Kraft die Augenlieder öffnete, erblickte er zwei Gestalten, die sich über ihn beugten. "Den hat's erwischt ! Die Hand ist zerfetzt und der Kopf hat auch einiges abbekommen. Reichtum hat der bestimmt nicht bei sich." "Dann geh weiter. Dort drüben liegt einer mit Säbel und Muskete. Das bringt blanke Taler !" Martin verstand den Sinn der Worte dieser beiden nicht. Er sah, wie sich die beiden Gestalten wieder aufrichteten und davon gingen. Martin suchte den blauen Himmel und die weiße Wolke. Doch er sah nur dunklen Qualm, der vom Wind hin und her getrieben wurde. Dann verschwammen dem Liegenden auch diese Bilder und er versank erneut in eine tiefe Bewusstlosigkeit. Als er erneut erwachte, fühlte er einen stechenden Schmerz in der linken Hand und sein Kopf schmerzte, als hätte er ihn in einen Bienenkorb gesteckt. Jetzt kam ihm auch die Erinnerung wieder; der Schlachtenlärm, der Kanonendonner, dann ein Pfeifen und Zischen !